atp magazin 6-7/2020

Die produzierende Industrie steckt immer mehr Energie und Geld in die digitale Transformation des Shopfloors. Nicht einmal zehn Jahre nach der Definitionslegung für Industrie 4.0 ist eine vollkommen digitalisierte Produktion Realität.

Dennoch ist der Transformationsprozess längst nicht abgeschlossen. Zwar produziert die deutsche Industrie qualitativ hochwertige Güter heute effizienter und nachhaltiger, die dahinterliegenden Businessmodelle wirken allerdings zunehmend antiquiert, wie uns nicht zuletzt die Corona-Pandemie eindrucksvoll zeigt. Und das, obwohl uns On-demand- Fertigung, Subscription-Modelle und KI-gestützte Prozesse in der Consumer Industry inzwischen allgegenwärtig erscheinen. Verschlafen wir unsere digitale Zukunft?

Eine Studie von Accenture aus dem Jahr 2019 bestätigt, dass die Etablierung eines Digitalgeschäfts in der Industrie hinter den selbstgesteckten Erwartungen liegt. Demnach werden vier von fünf Projekten zur Implementierung digitaler Angebote abgebrochen oder aufgrund mangelnden Erfolgs beendet.

Damit Sie, liebe Leserinnen und Leser, früh genug aufwachen, bringt Sie das atp magazin 6-7/2020 auf den aktuellen Stand der Technik des digitalen Business und zeigt Ihnen, wie Sie Ihre Geschäftsmodelle heute schon digitalisieren können.

Die Interview-Highlights:

"Digitale Wertschöpfung entsteht durch Partnerschaft“ (Lilian Matischokk, Kai-Uwe Hess, Fabian Schmidt)
Die Wirkmechanismen von Plattformökonomien scheinen sich aus dem B2C- nicht einfach in den B2B-Bereich übertragen zu lassen. Drei Experten der Plattform Industrie 4.0, Kai-Uwe Hess, Partner Technology, Deloitte Consulting GmbH, Lilian Matischok, Business Chief Digital Office - Industrial Technology, Robert Bosch GmbH und Fabian Schmidt, Senior Manager Public Affairs, Software AG, zeigen im atp-Interview auf, warum sich B2B-Plattformen in der Industrie noch nicht durchgesetzt haben.

”IT und OT müssen noch viel voneinander lernen“ (Dr. Sebastian Ritz, Sebastian Seitz)
Ohne eine tiefgreifende Verschmelzung mit der IT kann die digitale Transformation der produzierenden Industrie nicht gelingen und auch datengetriebene Geschäftsmodelle rücken ohne diese Konversion in weite Ferne. Im atp-Interview zeigen Sebastian Seitz, CEO von EPLAN, und Dr. Sebastian Ritz, CEO der German
Edge Cloud, auf, was sich OT und IT gegenseitig beibringen müssen, um Industrie-4.0-Geschäftsmodelle umsetzen zu können.

”Unsere Gebäude sind untauglich für die Energiewende“ (Daniel Hager, Klaus Jung)
Für die Energie- und Mobilitätswende sind intelligente und vernetzte Gebäude unverzichtbar. Den technologischen Grundstein dafür soll die Gebäudeautomatisierung legen. Warum das oft Wunschdenken ist, erklären Daniel Hager, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Elektroinstallationssysteme und CEO der Hager Group, und Klaus Jung, Geschäftsführer ZVEI-Fachverbands Elektroinstallationssysteme, im atp-Interview.

Die peer-reviewten Hauptbeiträge:

Die Verwaltungsschale –Lösung für das Datenchaos
„Lebenslange Durchgängigkeit von Daten – jetzt erreichbar!“
Das Wort Verwaltungsschale klingt zunächst nach Amtsstuben. Doch dieses Konzept ist dazu geeignet, die Durchgängigkeit für Anlagen- und Prozessdaten zu erreichen, indem die Daten nicht mehr am Ort der Entstehung, sondern Asset-orientiert abgelegt werden. Nach einer verständlichen Einführung werden Grundsätze für die Nutzung und Anforderungen an alle Beteiligten erarbeitet. Ein Blick auf die „Tauchnitz-Torte“ zeigt, dass die Verwaltungsschale jetzt alte Forderungen erfüllen kann

Open automation demonstrator for the chemical industry
„O-PAS, MTP und NOA – wie passt das zusammen?“
Es gibt aktuell drei offene Architekturen für die Prozessautomatisierung. NOA öffnet die Automatisierungspyramide, MTP ermöglicht modulare Automation und O-PAS macht das Automatisierungssystem selbst offen. Der Beitrag stellt die Elemente des O-PAS-Konzepts vor und zeigt an einem Demonstrator, wie sich die drei genannten Ansätze sehr gut ergänzen.

Eine systematische Bewertung der Qualität von Simulationsmodellen
„Wann ist eigentlich ein Modell ‚gut‘?“
„Ein gutes Simulationsmodell muss das Verhalten der Komponente so genau wie nötig abbilden“, so könnten
Ingenieurinnen und Ingenieure denken. Doch was nützt das, wenn es zu komplex ist, zu viel Rechenzeit
erfordert und schlecht bedienbar ist? Auf Basis der ISO 25010 Systems and Software Quality Requirements
and Evaluation stellt dieser Beitrag systematisch Kriterien für die Modellqualität zusammen. Durch einheitliche Kriterien bekommt die Fachwelt qualitätsgesicherte Simulationsmodelle.

Datenmodelle in Cloud-Plattformen
„Ein eleganter Weg, Daten strukturiert zu erfassen“
Es geht uns Ingenieuren gegen den Strich, alle Daten unstrukturiert in Data Lakes zu schmeißen, um sie
später mühsam auszuwerten. Der Beitrag schlägt stattdessen vor, sie mit Hilfe eines Visual Hiearchy
Modelers gleich in ein Datenmodell zu strukturieren. Vorhandenes Strukturwissen, z. B. aus dem MTP von
Modulen, kann dieses erleichtern und sogar automatisieren. Die Verknüpfung der Daten wird an einem
Beispiel mit MindSphere gezeigt.

Intermodulare funktionale Sicherheit für flexible Anlagen
„Sicherheit modularer Anlagen – wie kann’s gehen?“
Toll, wenn wir Anlagen aus Modulen dank MTP einfach so zusammenbauen können. Aber blöd, wenn
wir danach eine Risikobeurteilung machen und ein übergeordnetes Sicherheitssystem programmieren
müssten. Während die Sicherheit der einzelnen Module durch intramodulare Sicherheitsmaßnahmen
gewährleistet werden kann, werden auch übergeordnete – intermodulare – Mechanismen für den
sicheren Betrieb des Gesamtsystems benötigt.

Veröffentlicht: 2020-06-26

Hauptbeitrag / Peer-Review