Bd. 68 Nr. 1-2 (2026): atp magazin 1-2/2026

atp magazin 1-2/2026

Mit KI auf die Pole Position

2,5 Sekunden. Länger brauchen die Mechaniker in der Formel 1 nicht für einen Reifenwechsel. Mit neuem Grip geht es dann wieder raus aus der Boxengasse und rein ins Rennen. Zugegeben, so schnell wird das Digitalisierungs-Tempo der Prozessindustrie auch mit KI wohl nie werden, dank neuer KI-basierter Systeme wird es zukünftig jedoch einfacher, Optimierungspotenziale zu identifizieren und zu heben. Das zeigt auch das Interview mit Attila Bilgic und Dagmar Dirzus von KROHNE ab Seite 14 eindrucksvoll.

Für mehr Geschwindigkeit sorgen dabei nicht zuletzt Technologien wie die Asset Administration Shell (AAS), Ethernet-APL, das Module Type Package 2.0 (MTP) und die NAMUR Open Architecture (NOA). Im Zusammenspiel mit Künstlicher Intelligenz werden sie maßgeblich dazu beitragen, neue Konzepte im Brownfield nach einem kurzen Implementierungs-Boxenstopp auch wirklich auf die (Renn-)Strecke zu bringen.

Wie Ihnen das gelingt und wie KI-basierte (teil-)autonome Konzepte heute schon Vorteile für Ihre Anlagen bringen können, zeigt das atp magazin 1-2/2026, das nochmal explizit auf die NAMUR-Hauptsitzung 2025 zurückblickt.

Die Interview-Highlights:

„KI macht Sensoren zu intelligenten Schlussfolgerungsmaschinen“
Im Gespräch auf der NAMUR-Hauptsitzung 2025 erklären Dr. Dagmar Dirzus und Dr. Attila Bilgic vom Sponsor KROHNE, warum echte Fortschritte in der Prozessindustrie künftig nur über Konnektivität,  intelligente Messgeräte und den klugen Einsatz von KI gelingen. Sie zeigen, welche Potenziale teilautonome Anlagen heute bereits heben, warum physikalische Modelle für sichere KI unverzichtbar bleiben und weshalb digitale Services künftig zur „Milch im Milchkaffee“ der Automatisierung werden. Das Interview gewährt einen Blick darauf, wie KROHNE die Rolle des Sensorherstellers neu definiert – und wie die Branche jetzt die Weichen für skalierbare Autonomie stellen muss.

„Wir können Entwicklungen schneller vorantreiben“
Mit dem Joint Venture von Endress+Hauser und SICK bündeln zwei Schwergewichte der Prozessautomatisierung ihre Kompetenzen in Gasanalytik und Durchflussmesstechnik. Im Interview erläutern die Co-Geschäftsführer Illya Söhngen und Cornelia Reinecke, wie die Partnerschaft Innovationen beschleunigt, welche Rolle präzise Sensorik für KI-gestützte Optimierung und Dekarbonisierung spielt – und warum Digitalisierung nur dann Mehrwert schafft, wenn sie konsequent von der Feldebene her gedacht wird.

Die peer-reviewten Hauptbeiträge

„Autonomie ist nicht nice-to-have, sondern sichert die Zukunft“
Autonomie als Wettbewerbsfaktor
Die chemische Industrie steht vor enormen Herausforderungen. Niedrige Anlagenauslastung, hohe Energie- und Herstellkosten sowie Regulierungsdruck, Fachkräftemangel und globale Konkurrenz. Klassische Sparprogramme leisten einen wichtigen Beitrag, reichen allerdings langfristig nicht mehr aus. Die Branche sieht aber in Automatisierung und Autonomie einen Hebel für mehr Effizienz, Flexibilität und Resilienz. Der mögliche Nutzen wird mit 5 % der Herstellkosten abgeschätzt, wobei auch die Automatisierungskosten um 20 % sinken sollten. Diese Einsparungen lassen sich allerdings nur erreichen, wenn man in Stufen vorgeht und die Änderungen auch organisatorisch gut durchführt.

„Ethernet-APL hält, was es verspricht, braucht aber Ergänzungen“
Ethernet-APL: Experiences and Open Challenges
Ethernet-APL hat die Testphase hinter sich – im In- und Ausland sind große Projekte bereits in der Inbetriebsetzung. Zeit für einen Erfahrungsbericht: Die Gesamtkosten sind so hoch wie beim Feldbus, der Loop Check ist viel effizienter als bisher und die Anlagen gehen wie geplant in Betrieb. Wichtig sind eine ordnungsgemäße Feldinstallation und eine gute Schulung des technischen Personals. Erweiterungen sind für Sicherheitsfunktionen und für die IT Sicherheit erforderlich.

„Die AAS ist ein vielseitiges Werkzeug für die Prozessindustrie“
Plug-&-Produce mit der Verwaltungsschale
Die Verwaltungsschale, engl. Asset Administration Shell (AAS) ist inzwischen ein anerkannter Standard für die Beschreibung von Geräten. In Verbindung mit dem Digitalen Typenschild begleitet sie deren Lebenszyklus. Im Beitrag werden Use Cases für die Verwendung der AAS beschrieben: Erleichterte Inbetriebnahme, automatischer Sicheitsnachweis, Austausch aktueller Serviceinformationen, Kalibrierung, prädiktive Instandhaltung und der Digitale Produktpass.

„Standards ermöglichen eine automatische Übertragung von Rezepten“
Maschinenlesbare Rezepte: Digital und herstellerneutral
Wenn Batch-Rezepte zwischen verschiedenen Prozessleitsystemen übertragen werden, ist Handarbeit angesagt. Seit 2002 gibt es das Informationsmodell „BatchML“, bei dessen praktischer Umsetzung es erhebliche Herausforderungen gibt. Viele davon lassen sich durch Kombination mit dem Module Type Package (MTP)-Standard lösen, der durchgängige Anlagenstrukturierung, standardisierte Variablennamen und eine herstellerübergreifende Equipment-Beschreibung mit sich bringt.

„Was tun, wenn eine Maschine in zwei Regelungsbereiche fällt?“
Funktionale Sicherheit in Maschinen und der Prozessindustrie
Für das Themenfeld „Funktionale Sicherheit“ gibt es zwei Standards: IEC 61511 für die Prozesssicherheit mit ihren SIL-Klassen als Ergebnis einer HAZOP und ISO 13849 für die Maschinensicherheit mit Performance-Levels nach einer Risikobewertung. Was aber tun bei Maschinen in Prozessanlagen? Dabei geht es nicht nur um technische Lösungen, sondern auch um die zugehörigen Managementsysteme. Der Beitrag präsentiert ein pragmatisches Vorgehen.

„Zertifikate sichern die Kommunikation – wie kann man sie effizient managen?“
Zertifikatsmanagement für heterogene OT-Umgebungen
Zur Absicherung von Kommunikationswegen werden X.509-Zertifikate verwendet – so eine Forderung des EU Cyber Resilience Act. Diese müssen bei der Verbindung von IT- und OT-Systemen durch ein automatisiertes Zertifikatsmanagement organisiert werden. Der Beitrag stellt eine skalierbare  Referenzarchitektur vor, die eine protokollunabhängige Integration für OT-Geräte ermöglicht. Geeignete Abläufe für das Zertifikatehandling werden an einem Beispiel konkret dargestellt.

Veröffentlicht: 17.02.2026

Hauptbeitrag / Peer-Review