Bd. 68 Nr. 8 (2026): atp magazin 8/2026
Zu schwer für die Zukunft
Auf die Waage stellt sich niemand gerne. Das gilt auch für die Industrie und besonders dann, wenn es um das „ökologische Gewicht“ geht. Denn gerade im Kontext der sich in diesem Sommer spürbaren Klimakrise wird deutlich: Die Industrie muss beim CO2 noch deutlich abspecken!
Die zu verordnende Diät besteht neben einer gehörigen Portion mehr Energieeffizienz vor allem aus einem Mix aus durchgehender Digitalisierung, KI-Analytics und der Kontextualisierung der aggregierten Datenflut. Denn im Zusammenspiel mit Echtzeit-Analytics können Prozessdaten Unternehmen dabei helfen, ihre Emissionen zu senken und gleichzeitig wirtschaftlicher zu werden. Was hinter dieser Green Data Intelligence steckt, erklären Ileana Honigblum und Clemens Schönlein von AVEVA im Interview ab S. 10.
Doch auch darüber hinaus zeigt das atp magazin 8/2026, wie groß der Hebel der Automatisierungstechnik in Kombination mit KI-basierten Technologien sein kann, um nicht nur den CO2-Ausstoß bestehender Anlagen zu reduzieren, sondern gleichzeitig auch fit für die Zukunft zu werden.
Das Interview-Highlight
„Nachhaltigkeit wird zum Wirtschaftsfaktor“
Steigende Energiekosten, strengere Berichtspflichten und der Einsatz von KI verändern das Energiemanagement in der Industrie grundlegend. Im Interview erläutern Ileana Honigblum und Clemens Schönlein von AVEVA, wie Prozessdaten, Echtzeit-Analytics und Green Data Intelligence Unternehmen dabei helfen, Emissionen zu senken, Produktionsprozesse zu optimieren und gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit zu steigern.
Die peer-reviewten Hauptbeiträge
„Echtzeitsimulation über das Internet, echt jetzt?“
Grid-Compliance Testing of Wind Turbines through Virtualized Component Tests
Selbst wenn Sie sich nicht für Windenergieanlagen interessieren, sollten Sie den Beitrag lesen, denn er zeigt, wie eine Echtzeitsimulation mit geographisch verteilten Knoten umgesetzt werden kann. Simulationsmodelle der Aerodynamik sind dabei über das Internet angebunden. Diese Kommunikation nutzt UDP wobei eine proprietäre Message ID hinzugefügt wird, um verspätete Nachrichten zu erkennen und entsprechend zu behandeln. Das Netzmodell wiederum ist über eine dedizierte Glasfaserverbindung über Aurora IP angebunden. Für Interessierte an Windenergieanlagen beschreibt der Beitrag detailliert die Modellierung aller wesentlichen Komponenten und deren Integration in ein Gesamtsystem. Dieses Modell dient der normgerechten Netzanschlussprüfung.
„Wird Wasserstoff der Use-Case für MTP?“
Preisoptimierter und resilienter Betrieb modularer Elektrolyseanlagen
Elektrolyseanlagen gewinnen zunehmend an Bedeutung im Energiesystem. Es ist dabei ein schöner Erfolg, dass bei der Industrialisierung dieser Technologie von Anfang an auf modulare Anlagen und deren Automatisierung mittels MTP gesetzt wird. Die Modularisierung kann dabei zunächst zu erwünschten Skaleneffekten bei der Produktion der Komponenten führen. Sie erlaubt darüber hinaus eine einfache Skalierung. Durch MTP wird zudem die Automatisierung erheblich vereinfacht und die Koordination der einzelnen Module für den angepassten Betrieb unter volatilen Randbedingungen ermöglicht. Dieser Beitrag präsentiert Erkenntnisse aus Laborexperimenten an einer modularen Elektrolyseanlage mit drei Elektrolyseuren (je 2,4 kW), die mit einem Agentensystem für verschiedene Testfälle betrieben wurde.
„Sicher, aber muss ich dazu erst alles aufwendig modellieren?“
Automatisierte Bewertung des Gebäudebetriebs Teil 2
Gebäudetechnische Systeme, sei es im klassischen Bereich der Gebäudeautomation von Wohn- und Bürogebäuden oder auch im Bereich der prozessnahen Gebäudeautomation, können einen großen Beitrag zu mehr Energie- und Kosteneffizienz leisten. Die im ersten Teil dieses Beitrags (atp magazin 6-7/2026) eingeführte funktionsorientierte Bewertungsmethode ermöglicht eine ganzheitliche Analyse der Gebäudeperformance. Dazu müssen jedoch entsprechende Modelle vorliegen. Deren manuelle Erstellung bedeutet einen erheblichen Aufwand. Um diesen zu verringern, schlagen die Autoren hier einen automatisierten Prozess vor. Dieser nutzt Large Language Models (LLM) zur semantischen Klassifikation der vorhandenen Datenpunkte und zum Aufbau der benötigten digitalen Zwillinge. Die im Beitrag beschriebenen realen Praxisbeispiele zeigen dabei eine Aufwandsreduktion von 75 bis 80 %.
„Digitalisierung? Wir haben doch schon Excel-Tabellen?"
Informationsmodell für die Funktionale Sicherheit
Die Autoren stellen zunächst fest, dass sich im Bereich der Funktionalen Sicherheit der Wechsel von der analogen in die digitale Welt bisher noch weitgehend auf den Ersatz von Stift und Papier durch digitale Dokumente (Word, Excel, etc.) beschränkt und damit keine digitalen Prozesse möglich sind. Ausgehend davon wird der Stand der Entwicklungen zur digitalen Safety beschrieben. Den Kern bildet das in der NAMUR entwickelte Informationsmodell für die Funktionale Sicherheit (NE 192). Darüber hinaus setzt der Vorschlag auf etablierte Modelle wie das IEC Common Data Dictionary, DEXPI und die Verwaltungsschale der IDTA. Im Ergebnis liegen sicherheitsrelevante Daten strukturiert, interoperabel und maschinenlesbar in Teilmodellen der Verwaltungsschale vor. Damit ist der Weg frei für die Entwicklung digitaler Prozesse im Engineering und im Betrieb sicherheitsgerichteter Systeme.